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Naturschutzbeirat äußert sich zum Wolf

Der Naturschutzbeirat bei der unteren Naturschutzbehörde der Stadt Aachen hat sich in seiner Sitzung im Februar 2022 ausführlich damit beschäftigt, dass in der Stadt Aachen inzwischen innerhalb weniger Wochen Wölfe gesehen worden sind. Auf Anregung des Aachener Klima- und Umweltdezernenten Heiko Thomas hat sich der Naturschutzbeirat in einer ausführlichen Stellungnahme zu diesem besonderen Ereignis geäußert. „Ich begrüße es sehr, dass sich Naturschutzbeirat in seinem Positionspapier zur Wolfsichtung in Aachen so deutlich aufgestellt hat“, sagte Thomas.  

Wir veröffentlichen die Stellungnahme des Naturschutzbeirats vom 22. Februar 2022 im Wortlaut:

 

Informationen und Empfehlungen des Naturschutzbeirates bei der unteren Naturschutzbehörde der Stadt Aachen anlässlich des ersten Nachweises eines Wolfes im Stadtgebiet Aachen
Verabschiedet auf der Sitzung des Naturschutzbeirates am 22. Februar 2022

 

Vorbemerkung:

Der Naturschutzbeirat will mit dieser Stellungnahme zum Thema Wolf zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen und konkrete Hilfestellungen für die Bürgerinnen und Bürger, Erholungssuchende sowie Nutztierhalterinnen und –halter leisten. Er möchte hiermit zudem seiner gesetzlichen Aufgabe zur Beratung und Information von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit nachkommen (§ 70 Landesnaturschutzgesetz NRW).

Seit dem 15. Februar steht laut LANUV NRW nach den DNA-Analysen fest, dass es ich bei dem Mitte Januar in Aachen (Wiesen am Grindelweg) beobachteten „wolfsähnlichen Tier“ um einen Wolf gehandelt hat. Das Tier stammt aus dem bei Hechtel-Eksel in Belgien ansässigen Rudel, etwa 75 Kilometer nordwestlich Aachen (s. Link zum LANUV, unten).

 

Internationaler strenger Schutz des Wolfes und Rückkehr in die Region:

Dank des strengen internationalen (Washingtoner Artenschutzübereinkommen 1973; Berner Konvention 1979) und EU-rechtlichen Schutzes (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie 1992, 92/43/EG) haben sich die Populationen des Wolfes (genauer: des Europäischen Grauwolfes, Canis lupus lupus) in Osteuropa und die Alpenpopulation in den letzten Jahrzehnten erholt. Nach den Daten der „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf“ (DBBW) und des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) besiedelt der Wolf auch in Deutschland wieder geeignete Lebensräume, nach den Beobachtungen in unseren Nachbarländern ebenso im Dreiländereck.

Es ist daher, unabhängig von dem inzwischen bestätigten Wolf Mitte Januar am Grindelweg zu erwarten, dass in Zukunft zumindest gelegentlich auch einzelne Tiere im Stadtgebiet Aachen auftauchen können.

 

Konsequenzen für Aachen:

Aachen gehört seit 2019 zur Pufferzone des Wolfsgebietes Eifel-Hohes Venn. Nutztierhalter*innen werden daher Präventionsmaßnahmen zu 100 Prozent finanziert (etwa wolfsabweisende Zäune, Herdenschutzhunde) und Entschädigungen (für gerissene Nutztiere, Tierarztkosten etc.) gewährt, da die Europäische Union dies seit 2017 nicht mehr als wettbewerbsverzerrende Subvention wertet. In Deutschland hat der Gesetzgeber diese Regelungen 2019 ausdrücklich auch für Hobby-Tierhalter*innen eröffnet (Ende 2019 eingeführter neuer § 45 a Bundesnaturschutzgesetz).

 

Verhalten des Wolfes gegenüber dem Menschen:

Wölfe sind extrem vorsichtige Tiere. Die Gefahr für den Menschen, die von Wölfen direkt ausgeht, ist äußerst gering. In den letzten über 21 Jahren nach Rückkehr der ersten freilebenden Wölfe nach Deutschland wurde noch kein einziger Wolfsangriff auf Menschen dokumentiert. Für einige andere Länder Europas wurden nur einige wenige Wolfsangriffe registriert, davon aber keiner mit tödlichem Ausgang. Zudem handelte es sich im Wesentlichen um an Tollwut erkrankte oder mit Futter angelockte Wölfe (NINA-Institut, 2021). Auch bei den 2018 und 2019 in einigen Dörfern Niedersachsens beobachteten Wölfe stellte sich bei Nachprüfung heraus, dass diese Tiere vorsätzlich mit Futter angelockt worden waren. Daher hat der Bundestag im Herbst 2019 im neuen § 45 a BNatSchG in Absatz 1 auch ein ausdrückliches Fütterungsverbot für Wölfe beschlossen.

Dies unterstützen auch die Erfahrungen aus anderen EU-Staaten wie Rumänien, Bulgarien, Polen, wo sich die Bestände dank des strengen Schutzes seit 1979 (Berner Konvention) sehr viel besser erholt haben und teilweise Tausende von Tieren umfassen. Ebenso in Südeuropa (Spanien, Italien, Frankreich), von wo inzwischen auch Wölfe insbesondere nach Belgien und Südwestdeutschland einwandern. Insgesamt gilt also, dass es weitgehend unproblematisch ist, mit dem "Heimkehrer" Wolf zu leben, wie dies in anderen EU-Mitgliedstaaten und anderen europäischen Ländern ja auch gelungen ist.

 

Allerdings sollte sich der Mensch im Zusammenleben mit dem Wolf an die nach dem Stand der Wissenschaft abgeleiteten Spielregeln halten, da es sich bei dem Wolf um einen Prädator handelt, der bei falscher menschlicher Verhaltensweise auch ein gewisses Gefahrenpotenzial entfalten kann.

 

Empfehlungen für Waldbesucherinnen und Waldbesucher:

Die Begegnung mit einem freilebenden Wolf ist äußerst unwahrscheinlich. Dennoch sollte man einige Empfehlungen berücksichtigen, die auch für den Umgang mit anderen Wildtieren gelten:

Beobachten Sie das Tier ruhig. Lassen Sie ihm genug Raum, damit es sich zurückziehen kann. Wenn Sie sich unwohl fühlen, richten Sie sich auf und machen Sie sich groß. Lautes, energisches Rufen oder Klatschen kann den Wolf vertreiben. Laufen oder fahren Sie einem Wolf nicht hinterher, versuchen Sie niemals, ihn anzulocken oder zu füttern.

Ziehen sie sich langsam zurück und melden Sie Ihre Beobachtung an die zuständige Wolfsberatung oder an die zuständige Behörde (in Aachen die untere Naturschutzbehörde, umwelt@mail.aachen.de).

 

Empfehlungen für Nutztierhalterinnen und Nutztierhalter:

Wie andere Beutegreifer ist auch der Wolf ein Nahrungsopportunist. Nach allen bekannten Studien ernährt er sich ganz überwiegend von wildlebenden Tierarten, insbesondere Rehen. Jedoch passen auch Weidetiere wie Schafe und Ziegen aufgrund ihrer Körpergröße und ihres Verhaltens ins Beutespektrum des Wolfes. Aus diesem Grund ist ein effektiver Herdenschutz unabdingbar. Mit der Rückkehr des Wolfes sollten zum Schutz der Weidetiere rechtzeitig, das heißt in Aachen spätestens seit 2019, Vorsorgemaßnahmen wie wolfsabweisende Zäune oder Herdenschutzhunde ergriffen werden.

Wichtig: In Deutschland können auch Hobby-Tierhalter*innen diese Entschädigungen erhalten. Die Anträge sind bei den Landwirtschaftskammern einzureichen. Die Kammern beraten auch zum Herdenschutz.

 

Der Naturschutzbeirat hält die bisherigen Regelungen des Landes NRW zur Finanzierung von Vorbeugemaßnahmen für unzureichend. Er bittet den Stadtrat, anzuregen, dass nicht nur die Anschaffungskosten, sondern auch die Unterhaltung der Schutzmaßnahmen wie die notwendigen Pflegearbeiten und Rüstzeiten an mobilen elektrischen Abwehrzäunen und die Haltungskosten von Herdenschutzhunden vom Land finanziert werden.

 

Empfehlungen für Hundehalterinnen und Hundehalter:

Hunde können von Wölfen als potenzielle Geschlechtspartner oder als Konkurrenten im Territorium wahrgenommen werden. Hunde sollten daher immer an der Leine geführt werden! In Naturschutzgebieten (NSG) ist das ohnehin Pflicht (Leinen- und Wegegebot), sollte aber vorsichtshalber zumindest in allen Waldbereichen der Pufferzone praktiziert werden!

 

Empfehlungen für Reiterinnen und Reiter:

Es gibt viele Untersuchungen, die sich mit möglichen Begegnungen von Reitenden bzw. Pferden mit dem Wolf beschäftigen. Bisher ist es nicht beobachtet worden, dass Pferde mit ihren Reitern bei der Anwesenheit von Wölfen durchgehen (dann würden sie es ja auch bei einem Zusammentreffen mit Hunden tun).  Der NABU hat bereits 2015 mit Reiterverbänden und der Universität Hildesheim („Arbeitskreis Pferd und Wolf“) einen guten Handlungsleitfaden herausgegeben:

https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/wolf/150929-leitfaden-pferd-und-wolf.pdf

 

Für den (äußerst unwahrscheinlichen) Fall, dass einzelne Reiter*innen oder eine Reitergruppe auf einen Wolf treffen, empfiehlt der „Arbeitskreis Pferd und Wolf“:

  • Keinesfalls fluchtartig davon galoppieren, sondern Ruhe bewahren.
  • Die Pferde nebeneinander (als Einzelreiter auch allein) dem Wolf zugewandt aufstellen, damit die Pferde den Wolf sehen können.
  • Um die Pferde nicht zu beunruhigen, keinesfalls in die Hände klatschen oder mit den Armen wedeln.
  • Sollte sich der Wolf nicht gleich entfernen, sollte man im Schritt langsam auf den Wolf zu- oder an ihm vorbeireiten.
  • Auf keinen Fall sollte man dem Wolf folgen oder hinterher reiten, um zum Beispiel Fotos des Tieres zu machen. Wölfe sind wie alle Wildtiere, wenn sie in die Enge gedrängt werden, zur Verteidigung bereit.
  • Wenn ein Hund beim Ausritt dabei ist: Beachten Sie, dass Wölfe Hunde als Konkurrenten in ihrem Territorium betrachten könnten. Hunde sollten deshalb in Wolfsgebieten angeleint sein und am Pferd und am Menschen bleiben.

 

Zur möglichen Gefährdung von Rindern und Pferden:

Nach der Statistik der „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf“ (DBBW) fallen Rinder oder Pferde, bzw. Kälber und Fohlen, nur sehr selten Wölfen zum Opfer. Auszug: „Rinder und Pferde sind von Natur aus recht wehrhaft und haben oft noch ein ausgeprägtes Herdenverhalten. Die Verluste an Rindern und Pferden durch Wölfe sind in Europa deutlich geringer als an kleineren Nutztieren (Kaczensky 1996, 1999). Sie kommen vor allem dort gehäuft vor, wo wilde Huftiere und Schafe selten sind. Wenn Wölfe große Nutztiere töten, handelt es sich meist um Jungtiere oder um einzeln gehaltene Rinder oder Pferde. Einzelne Wölfe können jedoch auch lernen, ausgewachsene Rinder und Pferde zu töten. Bei den von Wölfen 2020 getöteten oder verletzten Nutztieren in Deutschland handelte es sich zu 89,3% um Schafe oder Ziegen, 6,3% um Gatterwild und in 3,9% um Rinder (meist Kälber)“:

https://www.dbb-wolf.de/wolfsmanagement/herdenschutz/schadensstatistik

 

Die Statistik des LANUV NRW für Risse an Nutztieren weist für 2020 und 2021 an Rindern nur einen Riss eines Kalbes durch einen Wolf aus (10. Oktober 2021), alle anderen Meldungen erwiesen sich als Falschmeldungen (zu schwache oder totgeborene Kälber).  Wolfsrisse an Ponys konnten für 2021 bis Anfang Februar 2022 nur in einigen Fällen bei Hünxe sowie in zwei Fällen in Bottrop nachgewiesen werden. Das Land dehnte daher zum 1. Januar 2022 für das Wolfsgebiet Schermbeck die Übernahme der Kosten für Vorbeugemaßnahmen und Ersatzzahlungen auch auf Ponys aus:

https://wolf.nrw/wolf/de/management/nutztierrisse

 

 

Die im Naturschutzbeirat vertretenen Naturschutzverbände und Organisationen:

 

  • Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Kreisgruppe Aachen Stadt
  • Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt Nordrhein-Westfalen e.V. (LNU), Regionalgruppe Aachen
  • Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU), NABU-Stadtverband Aachen e.V.
  • Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Landesverband NRW e.V. (SDW), Kreisgruppe Aachen
  • Landwirtschaftsverband Rheinland, Kreisbauernschaft Aachen
  • Waldbauernverband NRW e.V., Forstbetriebsgemeinschaft FBG Aachen
  • Landesverband Gartenbau Rheinland e.V., Regionalverband Gartenbau Rur/Wurm – Aachen, Düren, Heinsberg
  • Landesjagdverband NRW e.V. (LJV), Kreisjägerschaft Aachen Stadt und Land
  • Fischereiverband Nordrhein-Westfalen e.V., Rheinischer Fischereiverband von 1880 e.V. Bezirk Eifel
  • Landessportbund Nordrhein-Westfalen e.V., Stadtsportbund Aachen
  • Imkerverband Rheinland e.V., Kreisimkerverband Aachen

   

Herausgegeben am 07.03.2022

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